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2021. März 29. 15:28

Nachricht eines evangelisch-lutherischen Pfarrers aus der Covid-Abteilung

„Wenn ich es tun könnte, würde ich den Zweiflern, Verantwortungslosen Fotos über den Alltag einer Covid-Station zeigen, oder sie selbst dahin mitnehmen.“ Sagt Pfarrer Ákos Eszlényi, der evangelisch-lutherische Pfarrer, der auch für die Gemeindepflanzung in der Gemeinde Kerepes–Kistarcsa verantwortlich ist und als Krankenhauspfarrer im Hospital Flór Ferenc (Komitat Pest) arbeitet und somit die Corona bedingte Situation vor Ort aus nächster Nähe erlebt. Wir redeten mit ihm über seine Erfahrungen, die Impfung, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Hilfeleistung und über die Kraft des Betens.

– Wie viel Zeit verbringen Sie jetzt im Krankenhaus?

– In letzter Zeit musste ich des Öfteren dahin gehen. Eigentlich werde ich laut dem Vertrag mit der Evangelisch-lutherischen Kirche in Ungarn zehn Stunden die Woche beschäftigt, also in Teilzeit (25%). Davon werden zwei Stunden für das Einwaschen, zwei fürs Ventilieren [im psychologischen Sinne die Verausgabung und Herableitung von Spannungen oder negativen Gefühlen – Red.] benutzt, was bedeutet, dass ich eigentlich 6 Stunden bei den Kranken verbringen darf, doch zurzeit reicht es nicht aus, weil das Bedürfnis während der Pandemie gewachsen ist und so entschied ich mich die Zeitdauer zu verdoppeln um alle virusinfizierten Bettlägerigen besuchen zu können, wie aber auch die Krankenschwestern,  Pfleger*innen und Ärzt*innen. Meine gemeindepflanzenden Tätigkeiten wurden aus verständlichen Gründen provisorisch eingestellt, so nutze ich die so freigewordene Zeit für die Besuche im Krankenhaus und Altenheim in Kistarcsa.

– Wie muss man sich so einen Besuch vorstellen?

– Die Besuche statte ich am Montag, Mittwoch und Freitag ab. Im Krankenhaus Flór Ferenc gibt es jetzt zwei große Abteilungen: die für Covid-Kranke und für die, die es nicht sind. In letzterer besuche ich alle Krankenzimmer. Ich erzähle den Kranken, dass ich evangelisch-lutherischer Pfarrer bin und wenn jemand gern mit mir ein Gespräch führte, setze ich mich an sein Bett und unterhalte mich mit ihm als Pfarrer und Seelsorger. Daneben verteile ich die Magazine Evangélikus Élet  und Híd  (Evangelisches Leben und  Brücke), wie auch Bücher des die Ärzt*innen und Krankenschwestern, wie Pfleger*innen ebenfalls, ob sie meine Hilfe brauchen. Den anderen Teil meiner Arbeit verbringe ich in der Covid-Abteilung, wo ich beim Ein- und Austritt mit einem 15-minütigen ernsthaften Umziehen beginne und schließe.  Auch da suche ich alle Zimmer auf und treffe „Bekannte“, die  schon lange da liegen. Es kommt aber auch vor, dass ein Pfarrkollege mich bittet seine Gemeindemitglieder zu besuchen, denn zurzeit dürfen nur katholische Seelsorger und protestantische Krankenhauspfarrer*innen mit der Erlaubnis des Krankenhausdirektors zu Besuch kommen.

– Was passiert dann auf der Covid-Station?

– Es ist eine sehr geschlossene Abteilung. Ich kann sagen, dass sie fast voll ist, es herrscht Hochleistungsbetrieb. Es gibt welche, neben die ich mich hinsetzen und mir anhören kann, leider aber auch solche, bei denen ich nur noch am Bett stehe, den Segen erteile, Psalmen lese und bete.

– Anstatt der Luther-Kutte und neben den Alltagskleidern müssen aus Sicherheitsgründen natürlich auch Sie die dem Raumanzug gleichende Klinikbekleidung tragen. Wie sehr erschwert das Ihren Dienst?

–  Oft bestimmt es die Zeit meiner Anwesenheit, wie gut ich physisch dieses Einkleiden ertrage. Ich habe ständig den Eindruck, dass ich am Ende jeden Besuches 1-1,5 Kilo abnehme, so viel schwitze ich unter diesem „Raumanzug“.

Und denken wir nur nach, ich ziehe die Schutzkleidung nur einmal an und aus, die im Krankenhaus arbeitenden jedoch 3-4 Mal am Tag an. Was durchleben sie wohl? Als kleines Kind habe ich mir die Engel immer in weißen Kleidern mit Flügeln vorgestellt. Jetzt schaue ich mir die Krankenhausmitarbeiter*innen an und sehe ihre weißen Kleider und denke dabei, sie halten ihre Flügel unter der Schutzkleidung versteckt.

– Beanspruchen auch die Arbeitnehmer*innen Ihre Hilfe?

– Auf der Nicht-Covid-Abteilung teilen die Pfleger*innen mir schon mit, zu wem ich hingehen sollte oder wo es nötig ist hinzugehen, wer mit mir reden möchte. Schön langsam entwickelt sich diese Beziehung, doch die, die auf der Covid-Abteilung arbeiten haben mich noch nicht um Hilfe gebeten. Seit viel länger gibt es den katholischen Seelsorgedienst im Krankenhaus, den kennen sie schon lange und daher reden sie mit ihnen eher, was verständlich ist. Doch auch in der Richtung besteht ein großer Bedarf am Dienst.  In der Pandemie müssen neben den Kranken auch die Arbeitnehmer*innen mit demselben Elan unterstützt werden. Ich sehe, es bedeutet viel, dass wir präsent sind und für sie beten.

– Die Covid-Abteilung von innen zu sehen und mit Ihren Kenntnissen über die Situation der Infizierten, was denken Sie über die Impfung? Sind Sie zum Beispiel geimpft?

– Ja. Vor drei Wochen habe ich bereits meine zweite Impfung bekommen. Ich bin mit den Gedanken des leitenden Bischofs dr. Tamás Fabiny, die er in einer Video-Nachricht mitgeteilt hatte, einverstanden. Er macht uns darauf Aufmerksam uns auf jeden Fall impfen zu lassen! Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Gesundheit und die der anderen bewahren, was wir jetzt am effektivsten mit dem Impfen erreichen können.  Gegenwärtig haben wir nichts anderes in der Hand, was wirksamer wäre. Keine Quacksalberei, gutes Glück hilft dabei vom „Virus verschont zu blieben“. Solch etwas gibt es nicht. Was ich sehe, ist, wenn wir geimpft sind, werden weniger auf der Intensiv- oder sogar auf  der Infektionsstation landen. Konfrontiert mit der dortigen Lage, halte ich die Impfung für die Lösung.

Es kommt oft vor, dass ganze Familien ins Krankenhaus eingeliefert werden. Letzte Woche verließen eine Mutter und ihre Tochter das Krankenhaus gesund, doch die Oma haben sie verloren, sie konnten nicht einmal an ihrem Begräbnis teilnehmen. Die, die es nicht sehen, können es sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn man wortwörtlich keine Luft mehr bekommt oder die Tage mit ständigem Husten und Wehen vergehen, wenn man mehrere Tage gegen hohes und rhapsodisches Fiber ankämpfen muss. Ginge es nach mir und ich es tun könnte, würde ich den Zweiflern, Verantwortungslosen auf Fotos den Alltag einer Covid-Station zeigen, oder sogar sie dahin mitnehmen. Ein heroischer Kampf wird für das Leben anderer geführt und die Infizierten sind wegen des Virus in einer fürchterlichen Situation.  Gott sei Dank, es gibt mehr Genesene als jene, die diesen Kampf verloren haben.

– Leider kommt es vor, dass einige Äußerungen in den Medien, das Erwähnen der  Kraft des Glaubens und des Gebets, wie das Vertrauen darauf in einem negativen Licht insbesondere zur Zeit der Pandemie darstellen. Was denken Sie von der heilenden Kraft des Gebets?

– Ich muss Ihnen eingestehen, ich lese den Teil der Presse, der sich mit Covid beschäftigt nicht mehr um meine Lebenslust nicht zu verlieren. Ich glaube fest daran, dass das Gebet eine sehr wichtige Kraft ist. Wenn ich den Krankenhausarbeiter*innen und den Kranken sage, dass wir ununterbrochen für sie beten, empfinde ich, dass für sie als auch für mich es bekräftigend ist. Ich kann mich noch gut an jene Predigt erinnern, die ich als Theologe des ersten Schuljahres an der Universität zum Schuljahreseröffnungsfest hörte.  Da wurde über eine ältere Frau aus dem Komitat Vas erzählt, die jedes Jahr die Namen der neuen Theologen im Magazin Evangélikus Élet (Evangelisch-lutherisches Leben) liest und für jeden Namen einzeln betet. Wir kannten sie nicht und offensichtlich hat auch sie uns nicht gekannt, trotzdem gab mir dieses Wissen viel Kraft vor allem in der Vorbereitung auf meinen Beruf, meinen Dienst, zur Phasen der Verunsicherung:  das Wissen, dass es jemanden gibt, der mich in Evidenz hält und sozusagen unterstützend hinter mir steht. Ich habe meine Schülerinnen und Schüler, die in meinen Religionsunterricht in Kerepes und Kistarcsa gehen, gebeten, nach dem Aufstehen – die Größeren schon bereits in sich still einkehrend, die Kleineren mit ihren Familien – für die Kranken und alle, die im Krankenhaus arbeiten, zu beten.

– Wenn Sie im Krankenhaus über das Gebet reden, was für Rückmeldungen bekommen Sie?

– Ich sehe, wie gut es uns allen tut, dass wir durch die Gebete anderer Gott in seine Aufmerksamkeit und Liebe empfohlen werden.  Es ist egal, wer welcher Konfession gehört, ob jemand Gläubiger ist, oder nicht, ich treffe nur selten solche Situationen an, in der die Gespräche oder der Beistand zurückgewiesen wird. Eher kommt es vor, dass die Menschen uns dafür danken, dass wir neben ihnen stehen und zusammen beten.

Der Sinn des Betens ist, dass wir unsere Bitten, Danksagungen, wie die schwierigen Zeiten vor Gott tragen können. Wir erleben, dass das Gebet das bestärkende Gnadengeschenk des Herren ist, was die Arbeit der Medizinwissenschaft ergänzt doch nicht versetzt, achtend im Genesungsprozess auf das Gleichgewicht von Seele und Körper.

– Außer der Anwesenheit und des Gebets, was kann ein Krankenhauspfarrer noch tun?

– Das Verteilen der alten Exemplare der Magazine Evangélikus Élet  und Híd  (Evangelisches Leben und Brücke) im Krankenhaus empfinde ich auch als Geschenk. Nur das Erscheinungsdatum ist nicht von gestern, in der Hinsicht auf ihre Nachrichten sind sie auf jeden Fall aktuell.   Die Kranken können die gute Nachricht in den Artikeln nicht nur lesen, sondern auch erleben, denn Gottes Worte, die da zu lesen sind, sind schöpferisch, tröstend und ermutigend.

All die geistliche und seelische Nahrung, die diese Ausgaben enthalten, sind eine große Hilfe auf dem Weg der Heilung. Doch gerade in diesen Tagen schreiben die Mitglieder der Kirchengemeinde in Csömör Karten mit Bibelsprüchen um mit deren ermunternden Gedanken die Gepflegten zu unterstützen. Andererseits suchen wir nach einer Möglichkeit, wie wir dem Krankenhauspersonal neben der seelischen Verpflegung auch für den körperlichen etwas tun könnten, wie z.B. in Form von hausgemachten und schmackhaften Leckerbissen.