Der gemeinsame Glaube ist der Sauerteig der Gemeinschaftsbildung
Interview mit Gergely Prőhle
Wo ist unser Platz? Unter anderem unterhielt sich auch darüber das Portal 24.hu mit Landeskurator und ehemaligem Berliner Botschafter Gergely Prőhle. Wir veröffentlichen das redigierte und abgekürzte Großinterview mit dem Direktor der Otto Habsburg Stiftung und Leiter des Instituts für Strategischen Studien der Nationalen Verwaltungsuniversität.

– Zu lesen sei, dass seit es den Menschen gibt, Kulturen entstehen, empor steigen und abstürzen. Das ist das natürliche Schicksal auch unserer jüdisch-christlich fundierten Kultur: deshalb sollten wir uns darüber keine Sorge machen, ob in hundert - zweihundert Jahren unsere Nachkommen beim Pfarrer, Imam oder in einer buddhistischen heiligen Stätte beten, wenn überhaupt. Wir sollten uns damit zufrieden geben, dass falls sie irgendeine Kultur als ihre eigene erleben, unsere Gene in sich tragen.
– Das Vermischen ist zweifellos eine Zivilisationserscheinung, doch wir dürfen nicht die Haltung annehmen „komme, was es wolle“. Für uns, Christen darf es nicht gleich sein, ob unsere Kultur die Ankommenden integriert oder ob es gerade umgekehrt passiert. Eine positive Fortbewegung von diesem Standpunkt ist es, dass solange die Deutschen in 2000 Friedrich Merz, der kürzlich noch Kanzlerkandidat der CDU war, fast an den Galgen gebracht haben, weil er den Begriff „Leitkultur“ ins Gespräch brachte und dem er den Vorrang der traditionellen europäischen Lebensform innerhalb von Deutschland als „leitende Kultur“ zusprach, dieses Wort heute schon ein etablierter Ausdruck im Programm der CDU ist. In Europa wird es immer mehr gegenüber den Aufgenommenen eine reale Erwartung, dass sie nach unserer Lebensform leben, obwohl dieses Bestreben oft zum Opfer irgendeines komischen Schamgefühls oder politischer Korrektheit wird. Vorbedingung der Integration ist, dass die muslimische Religionsgemeinschaft die gemeinsamen Regeln akzeptiert; es ist zum Beispiel der Versuch zu begrüßen, dass nach Österreich auch Bayern die staatliche Imam-Bildung anbietet, also, dass der Staat dieses Gebiet unter seine Aufsicht ziehen will. Wir sollten an der Stelle erwähnen, dass wir jetzt gerade von Otto Habsburgs Büchern umgeben sind. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie war in einem gewissen Sinne auch multikulti, schon das Islamgesetz aus 1913 hält es fest, dass die Muslimen als gesetzestreue, integrierte Gemeinschaft im auf den jüdisch-christlichen Traditionen fundierten Staat anerkannt werden. Doch zu jener Zeit hatten die Muslime es leichter, denn damals lebten sie nicht in den Zentren, in Wien und Budapest, sondern dort, wo seit Jahrhunderten: in Sarajevo und seiner Umgebung.
– Kann man Menschen in dem Maße integrieren, dass die Demografie die europäische Kultur nicht abwischt?
– Ich habe in solchen europäischen Städten auch gewohnt, wo muslimische Gemeinschaften in großer Zahl leben, ich habe mit Absicht versucht Kontakt zu ihnen aufzunehmen, doch nach meinen Erfahrungen bin ich skeptisch was eine erfolgreiche massenhafte Integration angeht, obwohl man einige spektakuläre Beispiele schon hören kann. Ich suche die Lösung aus der Perspektive der christlichen Zivilisation, so können wir im Notfall letzten Endes uns damit trösten, dass in Afrika die Zahl der Christen am dynamischsten wächst. Aus dieser Sicht hört es sich irgendwie absurd an, ist dennoch vorstellbar, dass die Einwanderer mit der Zeit immer christlicher werden, im Gegensatz zu den europäischen Ureinwohnern.
Im Zusammenhang mit der Einwanderung bietet sich der Selbstfreispruch an, doch es wäre eine riesige Selbstlüge zu denken, dass die Kraftlosigkeit der christlichen Gemeinschaft auf das Konto der Einwanderer zu schreiben sei, vor allem in Ungarn nicht. Bei den letzten beiden Volkszählungen nahm die Unterstützung jeder der historischen Kirchen um je 30% ab: so viel weniger haben sich als Katholiken, Reformierter, Lutheraner, usw. bekannt. Seit 2006 bin ich Landeskurator der Evangelisch-lutherischen Kirche in Ungarn, also ihr weltlicher Leiter geworden, auch aus dieser mir anvertrauten Position versuche ich alles zu tun, damit nächstes Jahr bei der Volkszählung dieser Trend sich nicht fortsetzt.
– Welche Instrumente haben Sie dazu in der Hand?
– Gewiss ist die Zahl begrenzt, doch Kleingläubigkeit ist dann wiederum, der schlechteste Ratgeber. Grundsätzlich muss man es klar machen, dass der in der Gemeinschaft geübte Glaube, keiner aus der Vergangenheit zurückgebliebene, muffige Sache, sondern, wichtiger Teil der modernen Welt ist. Wir, Lutheraner tun schon lange etwas dafür, neben anderen zum Beispiel durch ein paar Gymnasien, die, wie auch weitere, von uns betriebene Institute, auf hohem Niveau geführt werden. Oder – es ist ein aktuelles Beispiel –, dass unsere digitale Methodik, weit über unseren evangelisch-lutherischen Kreisen Beachtung gewinnt. Wichtige Folgen unserer niveauvollen online Präsenz ist auch, dass unsere Kirche so vielen Trost spenden und Kraft geben kann, auch in diesen schwierigen Zeiten.
– Um unsere Kultur zu bewahren, brauchen wir den Gottesglauben?
– Der Sauerteig der Gemeinschaftsbildung ist die über sich hinaus weisende Verpflichtung, der gemeinsame Glaube, was die Akzeptanz von einander unterstützt und die so oft wuchtigen innerlichen Meinungsunterschiede zu klären hilft. Hier sollte man nicht an eine gnädige, andächtige Zartseeligkeit denken, sondern aus dem gemeinsamen Glauben heraus an ein Streben, bei dem wir die Last des anderen versuchen gemeinsam zu tragen, zu ertragen sogar einander zu lieben.
(…)
– Die Weltpolitik wird heute von den USA, China, die EU und Russland beherrscht, im Aufstieg sind Indien und Brasilien. In den nächsten Jahrzehnten wer wird stärker, schwächer, wer alles nähert sich und nimmt Abstand zum anderen?
– Indien und Brasilien werden von vielen bewohnt, aber es reicht nicht in die elitäre Schicht hineinzugelangen. Russland ist der Gewinntragende der globalen Aufwärmung dadurch, dass im seit Jahrtausenden vereisten Sibirien immer größere Teile bewohnbar werden, und was noch wichtiger: es kann Förderungsarbeiten unterzogen werden. Was natürlich nicht bedeutet, dass es auf einmal seine jahrhundertalten strukturellen Rückstände bekämpfen kann. Es lohnt sich selbstverständlich auf die Entwicklungen der letzten Wochen zu achten: die immer engere Zusammenarbeit zwischen Russland und China ist von strategischer Bedeutung, die Emporhebung Chinas scheint unaufhaltsam zu sein. Die USA, trotz politisches Theater, hält sich noch: er machte auf dem Gebiet der technischen Innovationen und Forschungen einen gewaltigen Vorsprung. Die Vorbereitung auf die Zukunft gelang diesen letzten zwei Ländern am besten.
– Und Europa?
– Europa befindet sich in einem Rückstand bequemlichen Ursprungs, doch lange nicht in dem Grad, wie einige es visualisieren. In Deutschland, im wirtschaftlich noch immer stärksten Land des Kontinents und aus der Perspektive der technologischen Entwicklung von entscheidender Bedeutung, werden starke Debatten geführt über die möglichen Gründe des Rückfalls. In dem Punkt herrscht volle Einigkeit, dass der Rückstand durch viel Geld, und Förderung der Bildung, wie Forschung einzuholen sei.
– Woher dazu die Quelle?
– Angela Merkel selbst hat darüber gesprochen, wenn ich mich recht erinnere. Auch Viktor Orbán hat es zitiert: es ist zukünftig nicht haltbar, dass obwohl Europa nur 4% der Weltbevölkerung ausmacht und nur 12% vom GDP auf dem Kontinent hergestellt wird, mehr als die Hälfte der sozialen Ausgaben der Welt hierzulande ausgegeben werden. Noch dazu konsumiert der westliche Teil der Welt unbegründet viel, wir reisen herum, kaufen billige Reisetickets (oder zumindest bis vor kurzem), im Januar essen wir frische Himbeeren und Kirschen aus Süd-Amerika oder bekommen im Winter Blumen, die in Afrika gezüchtet werden. Und all das ist normal. Ganz tragisch ist aber gerade eben deswegen die Situation, weil man die Ungerechtigkeit und selbstzerstörerische Weise deren den Wählern der Wohlstandgesellschaften nicht erklären kann. Ich möchte nichts in die gegenwärtige Krise hineinreden, doch es ist unschwer Gottes gehobenen Zeigefinger daran nicht zu erkennen.
(…)
– Wird es je Europäische Vereinigten Staaten geben?
– Die Vision von den Europäischen Vereinigten Staaten spricht allen historischen Erfahrungen und Traditionen entgegen. Nonsens. Ein Luftschloss.
– Dann soll es das Europa der Nationen geben?
– Selbstverständlich.
– Was bedeutet Europa der Nationen?
– Auf keinen Fall einen Wunschtraum, der sich in die Vergangenheit zurücksinnt, wie ein romantischer Romanheld. Auf keinen Fall 27 nationale Kräftemessen in den 27 Gliedstaaten. Das Europa der Nationen ist eigentlich ein wohlklingender Ausdruck dafür, was Otto Habsburg als Subsidiarität bezeichnete: es sollten über so viele Sachen, wie möglich vor Ort Entscheidungen getroffen werden, da wo man am rationalsten Schritte tun kann und wo die gegebenen Beschlüsse ihre Wirkungen entfalten. Es geht dabei auch darum, in nationalen Rahmen der Verantwortung nicht aus dem Wege zu gehen, auch davon handeln die Wahlen in den einzelnen Gliedstaaten. Das jedoch bedeutet nicht, dass die europäische Solidarität damit durchzogen wäre, was Ungarn ja sehr viel bringt.
– Wo liegt die Grenze zwischen den Nationen Europas und dem Nationalismus? Wie kann man es erreichen, dass es nicht zum Aneinandergeraten, Zerfall und Weltkrieg kommt wegen des Benehmens der Nationalstaaten?
– Gegen aller Krisensymptome und politischen Blutstauungen bin ich nicht so pessimistisch. Die Europäische Union ist grundsätzlich eine gut durchdachte Struktur, ein rechtlich von Verträgen und Institutionen gründlich umgebenes System. Man kann sie nicht einfach umkippen. Andererseits kann es nicht bezweifelt werden, dass immer wieder Krisensymptome auf das Tageslicht kommen, auch jetzt passiert es: unterschiedliche Kraft- und Interessengruppen kalibrieren ihre Verhältnisse zu einander.
– Konkreter?
– Man sieht etliche Bruchlinien. Um nur einige zu nennen: entlang der Finanzen, siehe allein den Standpunkt der „geizigen Vier“, die wegen der Solidaritätsidee die Großzügigkeit ihrer eigener Steuerzahler nicht immer wieder aufs Spiel setzten wollen. Das ist eigentlich der aus den alten Zeiten bekannte Streit zwischen dem „fleißigen Norden“ und dem „faulen Süden“ – nur in extremer Ausgabe. Doch wiederum findet eine Wertediskussion statt, in der wir besonders gut sind, also, auf welcher Weise wir die traditionell christlich-jüdische Wertordnung vor dem sich aufgebenden multikulturellen Westen schützen können. Es ist die bekannte Ost-West-Bruchlinie, nur in neuer Form, hier und da mit ein wenig rechtsstaatlicher Streitigkeit bereichert. Und natürlich dauert auch der immergrüne Souveränitätsstreit an, diesmal im Zusammenhang mit der Frage, wer und wie schnell die Staatsbürger*innen impfen lassen kann: ich oder die Union? Wozu bin ich fähig? Wo ziehen sich meine Grenzen?
– Innerhalb von Europa, in welche Richtung läuft der Weg des sich auf der Peripherie befindenden Ungarns?
– Mein gewagter Optimismus sagt: nach oben.
– Und Ihr Realitätssinn?
– Das Hauptziel der gegenwärtigen Außenpolitik ist vor allem das Gleichgewicht zwischen dem Westen und Osten zu bewahren. Es ist ein heikles Manöver, mit zahlreichen Gefahren, doch es ist aus der Sicht der geopolitischen Lage keineswegs unlogisch. Was sicher ist, dass wir weder hier, noch da den billigen Populismus suchen.
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– Könnten die Umstände sich so entwickeln, dass Herr Orban eventuell Gedanken darüber macht, das Land aus der EU hinauszuführen?
– Das ist eine völlig irrationale Annahme. Nichts spricht für einen Austritt, doch eine Reihe von Argumenten dagegen. Zu allererst, weil in Ungarn die Befürwortung der EU-Mitgliedschaft über 70% liegt, was höher ist, als in Deutschland. Und vergessen wir nicht, dass vor kurzem, bei der mit Salvini und dem polnischen Ministerpräsidenten zelebrierten konservativen Entfaltung der Fahnen nebst etlicher Kritik, eine ernsthafte Verpflichtung für die EU-Mitgliedschaft kundgegeben wurde.
(…)
– Viktor Orbán rückt es so ins Licht, als sei zwischen ihm und Frau Merkel, sogar zwischen ihm und ganz West-Europa die Einwanderung der wahre Konflikt. Ist es wirklich der Fall?
– Die Einwanderung ist zweifellos die europäische Zukunft bestimmende Zivilisationsgrundfrage und noch dazu zeigt dieses Problem von Land zu Land ein anderes Gesicht. In den letzten paar Jahrzehnten sind es die Gastarbeiter, die in Deutschland und Österreich die Einwanderer waren, die deutsche Mehrheit gewöhnt sich sehr schwer daran, dass sie gleichberechtigte Staatsbürger*innen sind. Zum Beispiel tut die Medienwelt in dessen Interesse sehr viel. Im Gegensatz dazu aber, sind in Frankreich und Groß-Britannien Millionen von Einwanderern, vor allem aus den Kolonien in anderthalb Jahrhunderten angekommen. Und jetzt gibt es meistens mit den, an die Peripherie der Gesellschaft gelangten Nachkommen, die eine niedrige Ausbildung haben, Probleme. Ich habe im Museum in Baltimore ein Gemälde über die Schlacht in Strasbourg des deutsch-französischen Krieges in 1870 gesehen, wo schwarze und arabische Menschen in französischer Uniform kämpfen. Es ist kein Wunder, dass nach so langer Zeit es zum Grundelement der gesellschaftlichen Solidarität gehört, dass die Muslimen Teil der französischen Nation sind. Auch sie haben für die Heimat gekämpft.
Doch man sollte es nicht vergessen, dass es überall, auch in Deutschland, damit begann: „wir haben sie zu uns geladen, weil das Wirtschaftswunder die Arbeiterkraft brauchte, oder weil wir die schmutzige Arbeit nicht mehr mache wollten.“ Doch die Neuen bekommen mehr Nachkömmlinge, als die Ureinwohner, was zu nicht behandelbaren Spannungen führt. Wie auch der Schweizer Dichter Max Frisch schreibt: „Wir haben Arbeiterkräfte zu uns geladen, doch Menschen kamen“.
Zusätzlich eilen die Flüchtlinge und Migranten von heute ebenfalls in die Richtung, wo Völkergruppen ihresgleichen leben, nichts zu reden von einer besseren sozialen Verpflegung, einem höheren Lebensstandard. Also Viktor Orbán spricht es nicht ohne Grund an, das die Angelegenheit der zum Großteil muslimischen Migranten nicht unsere Sache sei, sollten die damit herumringen, die es verursacht haben und die lange Nutznießer des Prozesses waren.
Natürlich fügt er auch noch hinzu, dass Ungarn auch seinen Teil dazu beitragen würde, bzw. beiträgt, dass niemand gezwungen sei sein weit entferntes Vaterland zu verlassen.
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– Was ist die Lösung in der Migrantenangelegenheit?
– Vor allem muss man alles tun, damit so wenige wie nur möglich aus Zwang ihr Heimatland verlassen müssen. Gleichzeitig aber muss man die demografische Tendenz in Europa verbessern, weil auch hier das Gesetz der kommunizierenden Gefäße zur Geltung kommt.

