Rezension: Gábor Sztehlo, In Gottes Hand
Die Rettung jüdischer Kinder in Budapest 1955/45
„In Gottes Hand – Die Rettung jüdischer Kinder in Budapest 1944/45“ ist das 1983 von Gábor Sztehlo selbst verfasste Erinnerungsbuch an das letzte Kriegsjahr in Budapest und den Aufbruch danach. Es erschien 2020 in deutscher Übersetzung mit 270 Seiten im Martin-Luther-Verlag, Erlangen mit einem Geleitwort von Dr. Tamás Fabiny, dem Leitenden Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn.

März 1944 bis März 1945 - 365 Tage. In dieser Zeit besetzt die deutsche Wehrmacht das unzuverlässig gewordene Ungarn und setzt eine den Nazis genehme Regierung ein. Als das nicht reicht, kommt es unter den Pfeilkreuzlern zu einer nationalsozialistischen Diktatur. Erst die Rote Armee und die Zerstörung Budapests können dem im Frühjahr 1945 ein Ende setzen. Es ist ein Jahr des Leides, des Krieges, des Hungers und der Verfolgung, besonders für die jüdische Bevölkerung Ungarns. Es ist das Jahr, in dem der lutherische Pfarrer Gábor Sztehlo etwa 1600 jüdischen Kindern das Leben rettet.
„In Gottes Hand – Die Rettung jüdischer Kinder in Budapest 1944/45“ ist das 1983 von Gábor Sztehlo selbst verfasste Erinnerungsbuch an das letzte Kriegsjahr in Budapest und den Aufbruch danach. Es erschien 2020 in deutscher Übersetzung mit 270 Seiten im Martin-Luther-Verlag, Erlangen mit einem Geleitwort von Dr. Tamás Fabiny, dem Leitenden Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn.
Gábor Sztehlo wurde 1909 in Budapest geboren. Nach dem Theologiestudium und einem Auslandsjahr in Finnland wurde er 1932 in Budapest in den Pfarrdienst ordiniert, war dann in verschiedenen Gemeinden tätig und begründete die evangelische Volkshochschulbewegung, die die Ausbildung der jugendlichen Landbevölkerung zum Ziel hatte. Im Frühling 1944 wird er vom lutherischen Bischof Sándor Raffay (1866–1947) beauftragt, unter dem Mantel des „Guten Hirten“ – einem Verein protestantischer Kirchen - in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz Heime zur Rettung von Kindern jüdischer Abstammung einzurichten, die durch die deutsche Besatzung nun besonders gefährdet waren. Ab Oktober errichtet er mit seinen Mitarbeitern 32 Heime, in denen etwa 2000 Menschen Schutz finden. Neben dem Schutz durch das Rote Kreuz erhalten sie dabei auch Hilfe von der Schweizer Botschaft. Sztehlo stellt dabei über 1500 jüdischen Kindern Taufscheine aus. Während der Schlacht um Budapest nimmt er 33 Kinder, deren Heime zerstört worden waren, in sein eigenes Haus auf. Nach dem Krieg sorgt er weiter für die überlebenden Waisenkinder und ruft den Kinderstaat „Gaudiolpolis“ ins Leben, ein einmaliges demokratisches und reformpädagogisches Projekt mit eigener Verfassung und Selbstverwaltung der in den Heimen lebenden Kinder und Jugendlichen.
Die Kinderrepublik hatte von 1945 bis 1951 Bestand, dann wurden die Heime unter der kommunistischen Diktatur des Mátyás Rákosi verstaatlicht. Gábor Sztehlo war verheiratet und hatte zwei Kinder. Nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956 flüchtete seine Familie in die Schweiz. Er selbst blieb und arbeitete in Ungarn. Bei seinem ersten staatlich genehmigten Familienbesuch 1961 erlitt Sztehlo einen Herzinfarkt und blieb in der Schweiz, wo er bald als Gemeindepfarrer tätig wurde. 1972 wurde Sztehlo in die Liste der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem aufgenommen. Er starb im Mai 1974.
Sztehlos Buch ist Erfahrungsbericht und Dokumentation, zeitweilig liest es sich spannend wie ein Roman. Dann zählt er Fakten und Zahlen auf, aber besonders Menschen, die geholfen haben und die er würdigen will. Die Geschichte beginnt mit der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht und seiner Beauftragung durch Bischof Sándor Raffay, sich um die Kinder jüdischer Abstammung zu kümmern und sie vor der Deportation zu bewahren. Immer mehr Kinderheime entstehen, geschützt durch das Rote Kreuz und gefördert durch die Schweizer Botschaft. Aber es wird auch immer schwieriger, je mehr sich die politische und militärische Lage zuspitzt. Neben den Problemen der Sicherheit und der Versorgung so vieler Kinder berichtet Sztehlo auch von den inneren und zwischenmenschlichen Problemen, die auftreten, wenn Menschen unter Druck geraten und auf oft kleinem Raum zusammenleben müssen. Vor den Türen stehen die deutschen Soldaten und die ungarischen Nazis, die Pfeilkreuzler, die intensiv nach Juden suchen. Oft genug steht das ganze Unternehmen auf der Kippe oder sind einzelne Heime und ihre Bewohner akut gefährdet. Oft genug kommt dann der Zufall zuhilfe, worin Sztehlo das Wirken Gottes sieht. Mit der Schlacht um Budapest und dem Anrücken der Roten Armee spitzt sich die Lage noch zu, aber mit an Naivität grenzendem Gottvertrauen umschifft Sztehlo alle Gefahren für seine Schützlinge. Und im Bombenkeller entwickelt er mit ihnen die Idee zu einem neuen Projekt nach dem Krieg, der Kinderrepublik Gaudiopolis. Das Buch schließt mit der Umsetzung dieser Idee, das reformpädagogische Projekt „Stadt der Freude“ wird Wirklichkeit.
Das Buch hat mich sehr beschäftigt, zum einen weil hinter dem Autor eine interessante Persönlichkeit hervorleuchtet – von der wir aber dann wenig erfahren, denn sich in den Vordergrund zu stellen liegt dem demütigen Christen Sztehlo nicht. Es ist ein Manko des Buches, dass es von ihm selbst geschrieben wurde. Immerhin wurde er 1972 in die Liste der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem aufgenommen.
Aber Sztehlos Buch bietet auch einen guten Einblick in das Innere eines lutherischen Pfarrer dieser Zeit, der von sich selbst sagt, dass er an Politik nie interessiert war und in die Gewissenslage einer Kirche, die sich aus der Politik herausgehalten hatte und dann deren Folgen so gut wie möglich zu lindern versuchte. Sztehlo ist nicht Bonhoeffer, er war nicht im Widerstand - eher ein ungarischer Wallenberg -, aber auch deswegen gelingt es ihm, so viele Menschen zu retten, weil er zum Beispiel auch die Hilfe von Pfeilkreuzlern oder eines Wehrmachtsoffiziers erbittet und erhält.
In Zeiten, in denen die Einheit Europas, die wir schon so nahe glaubten, wieder zerfällt und sich die Völker und Kulturen von Ost- und Westeuropa wieder von einander zu entfernen scheinen und auch die Kirchen, hilft manchmal ein Blick in die Geschichte. Ein Blick, der zeigt, dass es überall und immer Menschen gibt, die sich der Liebe Gottes öffnen und bereit sind, sich Nationalismus und Diktatur entgegen zu stellen und für das Leben anderer etwas zu riskieren.
Martin-Luther-Verlag, Erlangen 2020, Original erschien 1983, „Isten kezében“, Verlag Hungarian Lutheran Church Press, Budapest

